Visuelle Systeme und insbesondere das Arbeitsgebiet der Informationsgestaltung genießen mittlerweile eine große Aufmerksamkeit in der Ausbildung und dem fachbezogenen Diskurs. Vieles, was zu diesem Thema veröffentlicht wird, ist absolut faszinierend und ist vielen Fällen hervorragend geeignet, Interessierten einen inspirierenden Einblick in das aktuelle Schaffen in diesem Bereich zu ermöglichen. Um aber zu verstehen, wie sich ein eigenständiger Ansatz entwickeln lässt, lohnt es sich den Dingen auf den Grund zu gehen. Die hier vorgestellte Liste der Publikationen soll einen Überblick zu den Standards geben. Manche der Titel widmen sich offensichtlich den zentralen Aspekten wie etwa Visualisierung, Orientierung und Kommunikation. Andere waren nie in diesem Sinne beabsichtigt – und ermöglichen erst dadurch eine hilfreiche Erkundung zur Konzept- und Entwurfsarbeit. 

ISOTYPE, Neurath, Arntz – inzwischen hat sich dieser Teil der Geschichte der Visuelle Kommunikation als ein besonders bedeutsamer etabliert. Bildpädagogik, Bildstatistik, Visuelle Aufklärung – vieles, was wir heute als Standards in der Informationsgestaltung kennen, fand seinen Ursprung in der sensationellen Arbeit des ISOTYPE-Teams. Mit dieser Wiederentdeckung ging seit Beginn der 90er Jahre auch eine rege Publikationswelle einher. Es gibt aber bis heute nur ein Buch, das als „die“ zentrale Quelle zum Thema ISOTYPE bezeichnet werden darf: Die gesammelten Bildpädagogischen Schriften, herausgegeben 1991 bei Hölder Pichler Tempsky in Wien. Es enthält alle Veröffentlichungen zum Thema Bildstatistik, Gestaltung und Kommunikation von Otto Neurath und seinem Team bis zum Tod Neuraths 1945 – und zwar in übersetzter Form auf Deutsch. Es war und ist der Ursprung vieler Publikationen, die in den vergangenen Jahren folgten. Und ohne diesen Unrecht tun zu wollen; wer sich tiefgründig mit dem Thema ISOTYPE befassen will, sollte die Originaltexte lesen.

Haller, Rudolf / Kinross, Robin (Hrsg.): 

Otto Neurath Band 3, Gesammelte bildpädagogische Schriften, Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, Wien 1991

Jacques Bertin, Geograph und Kartograph, hat mit seiner "Sémiologie graphique", die bereits 1967 in Frankreich erschien, ein grundlegend systematisches Werk der Diagrammatik geschaffen. Es gliedert sich in einen theoretischen und einen angewandten Teil – und wirkt auf Grund seiner Dichte an Theorie und Anschauung zugegebener Maßen schlicht überwältigend. Die vertiefende Auseinandersetzung zeigt aber schnell, worin die Qualität dieses Werkes besteht: neben dem Was und Wie geht es vor allem um das Warum. Warum funktionieren bestimmte Repräsentationsformen besser oder schlechter? Welche Probleme erfordern welche Maßnahmen? Warum nehmen wir Diagramme, Netze und Karten auf eine ganz bestimmte Art und Weise wahr? Es geht Bertin weniger um die Visualität als viel mehr um die Bedeutung. Das ist der ganz große Unterschied, der ganz nebenbei im Ergebnis ästhetische Vokabularien aufzeigt, die zeitlos überzeugend sind und auf Grund ihrer inhaltlichen Begründung eine hohe Glaubwürdigkeit vermitteln. Bertin entschlüsselt für uns ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht von Quantitäten, Maßen und Variablen und hilft uns damit zu verstehen, wie Komplexität verständlich gemacht werden kann.

Jacques Bertin: 

Graphische Semiologie, Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1974

Französische Originalausgabe "Sémiologie graphique", Editions Gauthier-Villars, Paris 1967

"Powers of Ten" ist im Original ein Film. Konzipiert von Charles und Ray Eames, basiert dieser auf einer Bewegung in Schritten von Zehnerpotenzen vom Universum, 1 Milliarde Lichtjahre entfernt, bis auf die Ebene der Protonen und ihren Quarks. Die dramaturgische Figur einer unbegrenzten Reise führt uns im Film über animierte Sequenzen durch Zoomstufen des schwer vorstellbaren – und macht das Wissen um diese dadurch erst anschaulich. Und während die informative Ebene sorgfältig Auskunft über den Stand der Wissenschaft gibt, geht es im Kern dieser Arbeit um etwas viel Grundsätzlicheres: Über eine neue Vision, wie wir die Welt sehen und verstehen. Über einen, sich andeutenden Paradigmenwechsel, der mit diesem Projekt gute 20 Jahre vorweg genommen wurde. Powers of Ten macht die Reise durch den Raum zu einer Schnittstelle für die grundsätzlichen Fragen unserer Existenz und der Welt, bzw. dem Universum in dem wir Leben. Sie deutet all das an, was uns heute eine weitreichende Vernetzung von Menschen und Wissen ermöglicht und sich in medialen Formen a la Wikipedia, Google-Earth oder XY manifestiert. Fehlender Pathos und bestechend ästhetische Souveränität machen den Film zum Prototypen einer neuen Weltsicht; und das 5 Jahre später dazu erschienene Buch ergänzt den Film um Kontextwissen und erweiterte Referenzen; und bringt die Aussage nochmals auf den Punkt: alles hängt zusammen, irgendwie und relativ.

Philip Morrison, Phylis Morrison and the Office of Charles and Ray Eames:

Powers of Ten, Scientific American Libary, New York 1982

"Das Bild der Stadt" sagt schon im Titel, dass es in erster Linie um die Themen Städteplanung und Wahrnehmungsgeografie geht. Trotzdem ist es eines der ganz wichtigen Bücher im Kontext der Themen Orientierungssysteme, Visuelle Kommunikation und Architektur. Im Zentrum Kevin Lynchs' Buch steht der Begriff des Vorstellungsbildes, welches uns die Identifizierung und Nutzung eines Raumes ermöglicht. Lynch benennt 5 Elemente, die maßgeblich für die Entstehung von Vorstellungsbildern zu einem Ort verantwortlich sind: Wege, Grenzlinien, Bereiche, Brennpunkte, Merkzeichen. Diese 5 Elemente lassen sich in ihrem Zusammenspiel gestalten – was dem Thema Orientierung und Signaletik einen erweiterten Betrachtungsraum hinzufügt. Demnach fördern wir die Erschließung eines Raumes nicht nur, in dem wir ihn kognitiv und ordinal dechiffrierbar machen, sondern auch dadurch, in dem wir ihm eine Identität, Struktur und Bedeutung geben. Vereinfacht ausgedrückt: Eine bessere Orientierung im Raum erfordert mehr, als ein gutes Beschilderungssystem. Sie erfordert den ganzheitlichen Einsatz visuell-kommunikativer Maßnahmen.

Diese Position hat in den vergangenen Jahrzehnten zu immer umfassenderen Konzepten in der Signaletik geführt. Dabei operiert Kevin Lynch im Rahmen seiner Studie mit Untersuchungsmethoden, die beispielhaft für eine Evidenz-basierten Gestaltungsarbeit sind. Zudem unternimmt er anthropologischen Exkurse, etwa zum Thema kulturell-spezifischer Bezugssysteme in der Geografie.

Es ist, um es zusammenzufassen, ein für die Informationsgestaltung enorm einflussreiches Buch – ohne, dass es 1960 im Ansatz überhaupt als solches geplant war.

Kevin Lynch:

Das Bild der Stadt, Ullstein GmbH, Frankfurt/Berlin 1965

Amerikanische Originalausgabe The Image of the City, M.I.T Press, Cambridge/Mass. 1960

"Zeichensysteme" von Otl Aicher und Martin Krampen ist im Bezug auf seine Thematik kein einmaliges Buch - aber es ist wegen seiner Gründlichkeit und Schlüssigkeit ein unheimlich gutes Buch. Es entstand in den Siebziger Jahren vor dem Hintergrund einer rasant zunehmenden Globalisierung und der daraus angenommenen Notwendigkeit, Zeichensysteme auch auf internationaler Ebene zu standardisieren. Diese Forderung mag man heute diskutieren; zeigt doch gerade die heute allgegenwärtige Globalisierung, dass eine zentralisiert intendierte Standardisierung häufig den kulturell-spezifischen Bedürfnissen nicht gerecht werden kann. Aber gerade dieser Umstand unterstreicht umso mehr, dass ein grundlegendes Verständnis der Grundprinzipien heutiger Zeichensysteme von elementarer Bedeutung ist. Dafür bietet diese Buch eine ausgezeichnete Planungsgrundlage: die Verbindung von Theorie, Geschichte und Praxis ist sehr fundiert. Die Einführung in die "Semiotischen Klassifikationen" zeigt sehr anschaulich, weshalb die Visuelle Gestaltung so auf Denker wie Peirce und Morris angewiesen ist. Der Rückblick in die Geschichte belegt den evolutionären Charakter unserer heutigen Zeichen und Codes – und, dass deren Entwicklung wohl kaum zu Ende geschrieben ist. Und schließlich belegt die vielschichtige Auswahl an Beispielen aus der Zeichen-Praxis, dass Zeichensysteme nicht auf die Welt populärer Piktogramme und Icons beschränkt sind. Einfach zeitlos gut!

Otl Aicher, Martin Krampen:

Zeichensysteme, Neuausgabe bei Ernst&Sohn, Berlin 1996

Erstausgabe bei Verlagsanstalt Alexander Koch, Stuttgart 1977

Von Richard Saul Wurman gäbe es einige Publikationen, die auf dieser Liste stehen sollten. Der Architekt ist Autor zahlreicher, richtungsweisender Publikationen zu geografischen und städtebaulichen Themen, Veröffentlichte die Access-Press Reihe zu Reiseführern und allgemeinen Themen aus der ganzen Welt, initiierte den Begriff des Information Architekt (sicher auch durch seine persönliche Biografie motiviert) und war lange Jahre Gründer und Organisator der TED-Konferenzen. Gerade wegen all dieser herausragenden Leistungen stellt das Buch Information Anxiety einen besonderen Meilenstein in Wurmans Arbeit dar. Es erschien 1989 zu einem Zeitpunkt der aufkommenden Digitalisierung unserer Medienwelt und berührte damit schon in seiner ganz grundsätzlichen Form all das, was kurz darauf mit dem einsetzenden Medien-, Netzwerk- und Informationsboom zu unserem Alltag wurde. Vieles hat sich seither geändert aber geblieben ist die Sorge, von all diesen Informationen überfordert und übergangen zu werden. Information Anxiety ist das Anti-Coffeetable-Book; man muss es lesen um davon zu profitieren. Und das tut man in der Weise, dass es quasi in einer rhetorischen Gegenbewegung haarklein entschlüsselt, wie einer Angst vor der Informationsflut in konstruktiver Weise begegnet werden kann. Nichts in diesem Buch hat an Aktualität verloren. Es ist politisch und engagiert, klug, interessant und natürlich wunderbar gestaltet.

Richard Saul Wurman:

Information Anxiety, Doubleday, New York 1989

Das einzige Problem an Gerlinde Schullers Buch "Designing Unversal Knowledge" ist, dass es schon bei Seite 301 zu Ende ist.

Die kluge Auswahl an Themen Personen, Interviews und Beispielen ist eine hochpräzise Kartografie für das, was für die Idee einer aufgeschlossenen und zukunftsgerichteten Informationsgestaltung steht. Demnach ist es nämlich nicht ein Prinzip, eine Methode oder gar eine Ideologie – sondern es ist eine Vielzahl von Konzepten und deren Protagonisten, die sich der Idee der Aufklärung und Demokratisierung des Wissens gewidmet haben. Und genau dieser Entwurf steht für das Konzept von "Universal Knowledge". Gerlinde Schullers Buch ist wunderbar grenzgängerisch und unkompliziert, es ist überraschend, profund und im Spiel mit dem Sujet des Enzyklopädischen eine direkte Einladung an die Leserinnen und Leser, die Augen offen zu halten und die Kartografie in eigener Weise zu ergänzen. Für die nächste Ausgabe wünsche ich mir eine etwas weniger sperrige technische Ausführung des Buches und, wie schon eingangs gesagt: noch viel mehr "Eye-Opener". Bis dahin sei dieses Buch allen, nicht nur Informationsgestaltern, aufrichtig ans Herz gelegt.

Gerlinde Schuller:

Designing Universal Knowledge, Lars Müller Publishers, Baden 2009